Die Großstadthektik im Gepäck

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Tag 1: Wutachmühle bis Lothenbachklamm, 14,5 km, Gehzeit ca. 4,5 Std.

Tagesziel: Wutachschlucht

“Aufgrund einer Störung hat unser Zug eine Verspätung von 15 Minuten”.

Ich reise mit dem ICE von Mannheim nach Freiburg und bereits beim Einstieg ist mir klar, dass ich den Anschluss an die Dreiseenbahn verpassen werde. Also verbringe ich 58 Minuten am Bahnhof Freiburg, durchstöbere den Buchladen und erschwere mein Gepäck durch den Kauf von einigen Büchern.  Ich bin genervt, dass die Bahn hoch an den Schluchsee, die nur jede Stunde einmal fährt, nicht wenigstens diese zwei Minuten auf den ICE warten konnte.

Mit einer Stunde Verspätung schleppe ich mein Gepäck die angeblich 200 Meter zum Hotel. Es ist heiß, mein Koffer will sich nicht so recht über das Kopfsteinpflaster in der Ortsmitte ziehen lassen und ich wundere mich – wie noch des öfteren in den folgenden Tagen – wie lange 200 Meter sein können.  Mit meiner Großstadthektik komme ich im Hotel an, deponiere mein Gepäck, packe meinen Tagesrucksack, ziehe meine Wanderschuhe an und spaziere zurück an den Bahnhof, um den nächsten Zug nach Seebrugg zu nehmen.

Seebrugg am Schluchsee

Von dort den Bus nach Bonndorf, hier steige ich um in eine Linie, die mich zur Wutachmühle bringt. Eine halbe Weltreise – alles geht mir viel zu langsam.

“Wie anonym sind wir doch in Mannheim unterwegs”, denke ich mir

Allerdings nehme ich erstaunt wahr, dass der Fahrer in Ewattingen Grundschüler und Kindergartenkinder einsammelt und praktisch alle persönlich kennt. Die Schüler erzählen ihm von den Hausaufgaben und was heute in der Schule alles passiert ist. Wie anonym sind wir doch in Mannheim unterwegs.

Ich finde den Einstieg in den Schluchtensteig, passiere die Wutachmühle und kurz danach mündet die Gauchach in die Wuttach. Der Schluchtensteig verläuft entlang der Wutach flußaufwärts. Hat man genügend Zeit und Kondition kann man noch einige Kilometer in die urwaldähnliche Gauchachschlucht wandern. Hierzu überquert man den Kanadiersteg, benannt nach dem kanadischen Bataillon, das den Steg 1976 erbaut hat. Bitte daran denken, dass die Strecke bis zum Kanadiersteg wieder zurückgewandert wird und nicht in die Gehzeit einberechnet wurde. Während ich bis zur Gauchachmündung mutterseelenallein unterwegs war, treffe ich hier auf viele Wanderer und es fühlt sich nicht mehr ganz so unheimlich an.

Die “Umleitung”

Die Wutach wird jetzt wilder, der Weg feucht und glitschig. Kein guter Abschnitt für Regentage. Der Weg führt als schmales Band am Fluss entlang, nur wenige Zentimeter von der Wasseroberfläche entfernt. Die andere Wegseite wird begrenzt durch steile Felswände, Trittsicherheit ist jetzt wichtig. Gefährliche Stellen sind jedoch gesichert und daher auch für Kinder geeignet. Nach einem Erdrutsch im März 2017 wird der Weg über zwei neue Stege umgeleitet und ich bin erstaunt über die Gewalt der Natur.

Warum nur gibt es in dieser Hütte kein kühles Bier?

Der Rümmele Steg

Bald strömt sprudelnd Wasser aus der Felswand – hier tritt die Wutach aus dem Fels, nachdem sie einige Kilometer flussaufwärts teilweise versickert.  Ich treffe auf zwei Wanderer, die ebenfalls flussaufwärts wandern – im Gegensatz zu den Wandergruppen und Familien, die mir bisher entgegengekommen sind.  Ich überquere den Josefssteg und kurz danach einen zweiten Holzsteg, der den historischen Rümmele Steg, gebaut Anfang des letzten Jahrhunderts vom Neustadter Bahnbauinspektor Karl Rümmele, ersetzt. Der Originalsteg ist den  zahlreichen Hochwassern zum Opfer gefallen  und heute als Denkmal erhalten, jedoch nicht mehr benutzbar. Auf der einen Seite hohe Felswände, auf der anderen Seite haben sich breite Kiesstrände gebildet, die zu einer kurzen Rast am Wasser einladen. Ich treffe wieder auf die beiden Männer und wandere einige Zeit mit. Wir bedauern es sehr, dass die Schurhammerhütte mit großem Rast- und Grillplatz nicht bewirtet ist. So ein kühles Bier wäre jetzt echt klasse.

Pestwurzfeld

Weil ich am Ende der Tour den Bus erwischen möchte, wandere ich in zügigem Tempo alleine weiter. Der Weg steigt langsam aber stetig an, um den heimlichen Höhepunkt der Wutachschlucht zu erreichen: Bei der Aussicht vom Amselfelsen fällt der Fels 70 Meter senkrecht ab, unten schlängelt sich munter die Wutach. In meiner Hektik habe ich keine Zeit für die Natur und den Ausblick. Nach dem Abstieg quere ich Pestwurzfelder, die im Sommer nach der Blüte mannshoch gewachsen sind und riesige Blätter tragen. Der Name stammt aus dem Mittelalter, weil die Menschen dachten, der starke, unangenehme Geruch, der von ätherischen Ölen kommt, kann die Pest austreiben.

Und wie bitte schön sind die Kurgäste zum Kurhaus gekommen?

Der ehemalige Kurort Bad Boll – heute nur noch ein Name auf der Karte und eine Kapelle, die gerade sehr schön restauriert wird – beginnt unmittelbar nach dem Tannegger Wasserfall. Kaum zu glauben, dass hier noch bis in die 80ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Kurgäste residiert haben. Als in der Nacht des 12. April 1975 das Kurhaus aus unerklärlichen Gründen in Flammen aufging wurde der Betrieb eingestellt und Bad Boll blieb sich selbst überlassen. Erst 1981 wurde die Brandruine des Kurhauses abgetragen.

Naturdusche dank Kalktuff

Weiter geht es  entlang der Wutach, vorbei an einem herrlichen Schleierwasserfall führt der Weg auf weichem Waldboden bergauf und bergab bis ich an der Schattenmühle ankomme, wo ein herrlicher Biergarten zum Einkehren einlädt.

“Ich hätte nicht gedacht, dass ein halber Kilometer so lang sein kann… “

Leider  bin ich auf die Busverbindung zurück nach Schluchsee angewiesen und gönne mir auch hier keine Pause. Weil ich hier jedoch den Bus verpasst habe, erklimme ich noch die Lothenbachklamm, die – wohlgemerkt ohne Zeitdruck – ein lohnender Abstecher und ein schöner, wenn auch anstrengender Tagesausklang ist. Die Zeit schreitet unaufhörlich voran, ich renne fast den Berg hoch.

In der Lothenbachklamm

Noch 500 Meter bis zum Parkplatz verkündet eine Tafel und ein Blick auf meine Uhr sagt mir, das ist zu schaffen. Ich hätte nie gedacht, dass ein halber Kilometer so lang sein kann.  Dann noch der Ausstieg aus der Klamm und es hat geklappt, ich habe noch drei Minuten Luft bis der Bus ankommt. Ich habe die 14,5 Kilometer in weniger als 4 Stunden gemacht.

Zurück im Hotel merke ich, wie erschöpft ich bin und dass es mir nicht gelungen ist, die Natur zu genießen. Ich falle nach dem Abendessen müde ins Bett und nehme mir noch vor, den nächsten Tag etwas ruhiger angehen zu lassen.

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